JMP•DENTAL

FEUILLETON

WENN DIE IMPRESSIONISTEN ZAHNÄRZTE GEWESEN WÄREN

(Ein Phantasiestück zur Erhellung von Gemütsveränderungen)
von Woody Allen

„Lieber Theo,

schon wieder bin ich mit Geld in Not. Ich weiß, welche Last ich für dich sein muß, aber an wen kann ich mich denn sonst wenden? Ich brauche Geld für Material! Ich arbeite jetzt fast ausschließlich mit Zahnseide, wobei ich während der Arbeit improvisiere, und die Ergebnisse sind aufregend. Gott! Ich habe nicht mal mehr ein Pfennig für Novokain! Heute zog ich einen Zahn und musste den Patienten damit betäuben, dass ich ihm etwas Dreiser vorlas. Hilf mir!

Vincent“

„Lieber Theo,

ich glaube, es war ein Fehler, die Praxis mit Gauguin zu teilen. Er ist ein kranker Mensch. Er trinkt große Mengen Zahnweiß. Als ich ihn beschuldigte, geriet er in Wut und riß mein Zahnarztdiplom von der Wand. In einem ruhigeren Augenblick schlug ich ihm vor, es mit dem Plombieren im Freien zu versuchen, und wir arbeiten auf einer Wiese, umbeben von Grün und Gold. Er setzte Fräulein Angela Tonnato eine Krone ein, und ich machte Herrn Louis Kaufmann zur selben Zeit eine Füllung. Da arbeiteten wir also zusammen unter freiem Himmel! Reihen blendendweißer Zähne im Sonnenlicht! Dann kam ein Wind auf und blies Herrn Kaufmann das Toupet ins Gebüsch. Er stürzte ihm nach und riß Gauguins Instrumente um. Gauguin gab mir die Schuld und versuchte, mir einen Hieb zu versetzen, erwischte aber irrtümlich Herrn Kaufmann, worauf er sich auf den Schnellbohrer setzte. Herr Kaufmann ging wie eine Rakete im Steilflug an mir vorbei und nahm Fräulein Tonnato mit auf die Reise. Der Schluß, Theo, ist, dass Rifkin, Rifkin, Rifkin & Meltzer meine Einnahmen mit Beschlag belegt haben. Schick mir, was du kannst.

Vincent“

„Lieber Theo,

ja, es ist war. Das Ohr im Schaufenster bei Gebrüder Fleischmann, Scherzartikel, ist meines. Ich nehme an, es war eine Torheit, aber ich wollte vorigen Sonntag Claire ein Geburtstagsgeschenk schicken, und alle Läden waren zu. Na ja. Manchmal wünsche ich, ich hätte auf Vater gehört und wäre Maler geworden. Das wäre nicht aufregend, aber wenigstens ein normales Leben.

Vincent“